USA, Wilmington

von Andre Wißing, Fachbereich Elektrotechnik in Bocholt

4 Monate leben und arbeiten in einem fremden Land, 8000 km entfernt, auf der anderen Seite des Atlantiks. Dieses ist mein Erlebnisbericht über meine Eindrücke und Erfahrungen in Amerika.

Seit 1993 studiere ich an der Fachhochschulabteilung in Bocholt Elektrotechnik. Im fünften Semester ist ein Praktikum, das sogenannte Praxissemester, vorgesehen. Sinn dieses Semesters ist, daß die Studenten bevor sie ihr Studium beenden, bereits Erfahrungen im Ingenieurwesen machen können und so Impulse und Ideen für ihren späteren Beruf bekommen. Im Sommer 1994 bewarb ich mich um eine Praktikumsstelle in dem firmeninternen Internship" bei der Bayer AG in Leverkusen. Weihnachten 1994 bekam ich die Zusage für meine Stelle bei AGFA in Wilmington, Massachusetts, USA. 

Am 26. Oktober 1995 wurde es Ernst, Abschied nehmen" hieß es nun. Meine Reise begann in Düsseldorf und nach mehr als 10 Stunden landete ich in Boston. Meine erste unvergeßliche Erfahrung machte ich mit den öffentlichen Telefonen am Logan Airport, als sich plötzlich ein Operator" meldete und mir erzählte, wieviel Geld ich noch einwerfen solle. Abends lernte ich meinen Vorgänger" kennen, einen Studenten aus Krefeld, der mir am Freitag und Samstag die wichtigsten Sachen, die man wissen muß, gezeigt und erklärt hat. 

Leider habe ich nicht mehr die volle Pracht des Indian Summers" gesehen, aber der Herbst war in diesem Jahr recht spät und so bekam ich noch eine Idee von dem, was im fall" in New England" zu sehen ist. Neu England werden die sechs nordöstlichen Staaten der USA genannt. Dazu gehört im Norden Maine, und südwestlich davon Vermont und New Hampshire. Quer" darunter liegt Massachusetts und im Süden schließen sich Connecticut und Rhode Island an. Neu England spielt in der Geschichte der USA eine entscheidende Rolle. So findet man zum Beispiel an vielen Orten noch Überbleibsel aus der Zeit der Pilgrims. Boston, Plymouth und Newport sind nur einige Städte, die Geschichte geschrieben haben. Plymouth ist der Hafen der Mayflower II, einem Nachbau der legendären Mayflower, die seinerzeit die ersten Pilgrims in die Neue Welt" brachte. In Boston findet man berühmte Schiffe, wie das Boston-Teaparty- 

Ship und die USS Constitution, die auch Old Ironsides" genannt wird. Diese 44-Kanonen-Fregatte spielte eine entscheidende Rolle in den Schlachten gegen die Briten 1812. Aber Boston ist auch für vieles andere bekannt. Wer kennt nicht das Cheeres oder die berühmte Harvard University in Cambridge? Das MIT, welches direkt am Charles River liegt, gilt als die Schmiede amerikanischer Ingenieure. Der Charles River, der Boston Downtown und Cambridge trennt, war einst eine Meeresbucht. In vielen Jahren haben die Bostoner diese Bucht, indem sie die Hügel rund um Boston herum abgetragen haben, zugeschüttet und so Platz für das heutige Boston geschaffen. Back Bay ist ein solches Gebiet, welches einst dem Atlantik gehörte. Der Hancock Tower, mit 62 Stockwerken das höchste Gebäude Bostons, ist zum Beispiel hier zu finden. Boston ist eine sehr interessante Stadt und, meiner Meinung nach, immer eine Reise wert. Seien es auf der einen Seite die vielen Museen, wie das Museum of Science, oder im Sommer die Atmosphäre in den Straßen, die besonders am Harvard Square und Quincy Market ein pulsierendes Schauspiel amerikanischer Lebensart ist. Selbst im Winter, wenn die meisten Musikanten und Schauspieler lieber zu Hause bleiben oder in Bars auftreten, bekommt man eine Vorstellung von dem, was im Sommer hier wohl los sein mag. Boston ist die Stadt der Schulen und Universitäten. Neben den weltberühmten wie Harvard und MIT gibt es hier mehr als 50 Colleges und Unis. Daher kommt es, daß ungefähr die Hälfte der ca. 700000 Einwohner Studenten sind. 

Häufig wurde ich gefragt, ob ich auch schon im Schnee versunken sei. In der Tat, war dieser Winter rekordverdächtig. Im Dezember ist soviel Schnee gefallen wie schon seit ca. 20 Jahren nicht mehr. Autos verschwanden unter Schneebergen und nur der Zipfel einer Antenne erinnerte an das Fahrzeug, das vor den big storms" dort abgestellt wurde. In Boston wußte man nicht mehr wohin mit all dem Schnee. Straßen haben sich um eine ganze Fahrbahn verengt, da dort meterhohe Berge von Schnee aufgeschoben waren. In anderen Städten an der Küsten, bangten die Menschen um ihr Heim und um ihr Leben. Sturmfluten haben dort ganze Häuser und Boote verschlungen. Der Januar war, ganz entgegen der Erwartungen der Menschen, recht warm, was wiederum in einigen Orten zu Überschwemmungen führte. 

Doch trotz all dem hatte der Winter auch seine Reize. Es war ein unvergeßlicher Blick vom Hancock Observatorium, welches im 60. Stockwerk zu finden ist, hinab auf Boston. Die Wintersonne legte ein warmes Licht über die ganze Stadt und der Charles River versteckte sich unter einer Decke aus Schnee und Eis. 

Andover, wo ich gewohnt habe, liegt ca. 25 Meilen nördlich von Boston und nur 15 Minuten entfernt von der Grenze zu New Hampshire. Da in den USA jeder Staat seine eigenen Gesetze hat, muß man in New Hampshire zum Beispiel keine sales tax", amerikanische Steuern auf Waren, zahlen. Ebenso können bestimmte Verkehrsregeln von Staat zu Staat variieren. Ein Gesetz, das, so viel ich weiß, überall in den Staaten gilt, ist das Schulbus-Gesetz. Wahrscheinlich hat jeder von uns schon einmal einen dieser gelben, lustigen Busse in einem Kinofilm gesehen. Doch bei Schulbussen hört in Amerika der Spaß auf. Hält ein Schulbus an, um einen Schüler aufzunehmen, so hat der Verkehr in beiden Richtungen zu halten. Verstöße gegen dieses Gesetz können sehr teuer enden. 

Dieses Beispiel spiegelt eigentlich sehr gut die Einstellung der Amerikaner wider. Schützt die Kinder um jeden Preis, bis sie 21 sind. Danach sind sie mit einem Tag erwachsen und übernehmen von heute auf morgen die ganze Verantwortung, auch für sich selbst. In allen Staaten der USA gibt es eine Altersgrenze für Jugendliche, oder Erwachsene, in bezug auf Alkohol. In Massachusetts liegt diese bei 21. Meine Erfahrung war, daß die meisten Studenten, die ich bei AGFA getroffen habe, über dieses Gesetz frustriert sind und die tollsten Ideen entwickeln, um irgendwie diese Hürde doch zu umgehen. So habe ich unzählige Male meinen Ausweis herausgeholt, um mich als über 21" zu identifizieren. 

Auf der anderen Seite darf man in den Staaten mit 16 seinen Führerschein machen. Wobei ich das nun etwas abschwächen möchte. Ein Führerschein bedeutet in Amerika nicht, daß man, wie etwa bei uns, gelernt hat Auto zu fahren, sondern, daß man gezeigt hat, daß man ein Auto fahren kann. Das ist ein großer Unterschied, den man auch sofort bemerkt, sobald man mit dem Verkehr in Berührung kommt. Ich habe Freunden dort erzählt, wie das System bei uns funktioniert, und daß man eine Schule besucht, Fahrstunden nimmt und mindestes 2000,- DM ärmer ist. Daraufhin sah ich nur noch Gesichter des Erstaunens. 

Ein Grund für diese Regelung mag sein, daß die Entfernungen in Amerika enorm sind und man das Auto für ausnahmslos alles, was das tägliche Leben bringt, benötigt. Das bedeutet für eine Familie viel Fahrerei. Die Kinder müssen zum Beispiel zu allen möglichen Plätzen und Veranstaltungen gebracht werden. Ebenso sind die Vorstellungen von weit und nah zwischen Deutschen und Amerikanern sehr verschieden. Daher verbringen die Amerikaner viel Zeit on the road". Dieser Tatsache haben sich viele Sachen angepaßt. So findet man in Amerika wohl kaum ein Auto, das nicht mit sogenannten cup holders" ausgerüstet ist, um den frischen Kaffee von Dunkin Donuts" sicher abstellen zu können. Da die Höchstgeschwindigkeit in den USA zwischen 55 und 75 Meilen pro Stunde liegt, was ungefähr 88 bis 120 km pro Stunde entspricht, ist ein straffes Fahrwerk nicht erforderlich und die Wagen wippen über jede Bodenwelle wie ein Schaukelstuhl, was man dort als komfortabel bezeichnet. Die Autos werden daher auch nicht auf Geschwindigkeit, sondern auf Drehmoment getrimmt, um in dem täglichen Stop and Go" gut voranzukommen, da ein Stau auf dem Weg zur Arbeit oder zurück zum Alltag gehört. Ein anderer interessanter Aspekt sind die Benzinpreise. Meinen Chevy Corsica, mit einem 3,1 Liter, 6-Zylinder Motor, habe ich für ca. $15 voll getankt. Das sind ca. 22 DM für 14 Gallonen, was ungefähr 1,50 DM pro Gallone (ca. 3,8 l) entspricht. Daher bin ich bei meinen Kollegen wiederum auf Ungläubigkeit gestoßen, da keiner glauben konnte, daß jemand über DM 1,50 pro Liter bezahlt. 

Aber es gibt auch andere Regeln, die einem Deutschen leicht komisch vorkommen, oder ihn sogar in Verlegenheit bringen. Es gibt zum Beispiel nicht die Rechts-vor-Links-Regel. Kreuzungen sind meisten nur spärlich ausgeschildert, und nur wenn jemand nicht das Recht hat zu fahren, dann gibt es ein Stop-Schild. Ansonsten fährt man solange es geradeaus geht. Eine weitere spezielle Regel gilt an Ampeln. Ist nichts anderes ausgeschildert, so darf man an einer roten Ampel, nachdem man gestoppt hat, nach rechts abbiegen. All diese Regeln waren am Anfang recht fremd für mich und so manches mal wurde ich angehupt", um doch einfach weiterzufahren. 

So ausgebaut und riesig das Highwaynetz ist, so unvollständig ist das Netz der öffentlichen Verkehrsmittel. Ich spreche nun natürlich nicht von Städten, wie New York oder Boston, wo das Subway-System wirklich hervorragend ist und man selten länger als 5 Minuten laufen muß, um die nächste Station zu finden. Die T, wie die U-Bahn in Boston genannt wird, ist außerdem sehr günstig. Ein Token, ein Fahrchip, kostet nur 85 cent und man kann das gesamte U-Bahn-System nutzen. Das Problem liegt außerhalb der Städte. Wie gesagt, ich habe außerhalb von Andover gewohnt. Es gab dort keine Möglichkeit einen Bus oder eine Straßenbahn zu bekommen. Wollte ich irgendwo hin, so mußte ich mein Auto benutzen, da die Entfernungen einfach zu groß sind, um zu Fuß etwas zu erreichen. 

Auch die Restaurants sind in Amerika anders organisiert als in Deutschland. So wartet ein Gast in der Regel am Eingang, bis ihn eine Kellnerin nach der obligatorischen Frage smoking or no smoking" zu einem Tisch führt. Das typische amerikanische Essen ist sehr gut und ein Europäer wird selbst, wenn er nur heimische Küche gewohnt ist, zufrieden sein. Außerdem finden sich in einer Stadt wie Boston oder New York auch alle möglichen Spezialrestaurants. So gibt es zum Beispiel am Harvard Square ein deutsches Restaurant, welches mit Sauerkraut und Wurst wirbt. Italienische Restaurants gibt es in der Bostoner Gegend wie Sand am Meer und hier und da sieht man schon mal sehr ungewöhnliche Restaurants, wie zum Beispiel das äthiopische an der Tremont Street in Boston. Wenn man in einem Restaurant gespeist hat, so sollte man nie das Tip", das Trinkgeld, vergessen. In Amerika verdienen die meisten Kellner und Kellnerinnen kein festes Gehalt, sondern sind auf das Tip des Gastes angewiesen, welches in der Regel mindestens 15% entspricht. 

Das ist auch ein gutes Beispiel für das sehr verschiedene soziale System. Absicherungen wie Krankenversicherung, Rentenversicherung, Unfallversicherung und Arbeitslosenversicherung sind in Amerika gar nicht, oder erst seit kurzem bekannt. Viele Versicherungen dieser Art werden privat abgeschlossen und sind nicht, wie bei uns, Pflicht. Im Dezember mußte ich einen Arzt aufsuchen, der mich dann an einen Kollegen überwiesen hat. Am Telefon wurde dann erst gefragt, ob ich denn auch $150 bezahlen könne, da der Arzt wußte, daß keine Versicherung die Kosten übernehmen wird. Und zum dritten Mal wollten meine Kollegen mir nicht glauben, als ich von dem deutschen System erzählte. Einen Arzt aufsuchen, wenn man sich krank fühlt, einfach so. Eine Versicherung, die einen sozial abfängt, wenn man seinen Job verliert. Alles das sind Sachen, die es bei uns schon lange gibt, in Amerika aber erst noch in der Entwicklung stecken. Ein Freund erzählte mir, daß er glaubt, daß in Amerika immer wieder die falsche Regierung gewählt wird und deswegen die soziale Absicherung so weit der technischen Entwicklung hinterher hinkt. 

Nur so ist es möglich, daß die Angestellten oder Arbeiter in einer Firma mit 2 Wochen Urlaub im Jahr anfangen, und erst nach einer gewissen Firmenzugehörigkeit wird der Urlaub stufenweise auf 5 Wochen erhöht. 

Etwas anderes, was mich sehr erstaunt hat war mein erster pay-check". Ich bekam nicht, wie gewohnt, eine Gehaltsabrechnung und eine Überweisung auf mein Konto, sondern einen Check, den ich zur Bank gebracht habe und erst dann auf mein Konto eingezahlt habe. Erst nach einem speziellen Antrag wurde das Gehalt dann direkt auf mein Konto überwiesen. Auch die Geldautomaten funktionieren sehr verschieden. So hat man zum Beispiel die Möglichkeit ein deposit" zu machen. Das bedeutet, daß man, nachdem man sich durch seine Karte und seine Geheimzahl identifiziert hat, seinen pay-check" in einen Umschlag steckt und in den Automaten schiebt. Das Geld wird dann auf dem Konto gutgeschrieben. Zu den Konten allgemein gibt es noch zu sagen, daß es eine Menge verschiedener Arten gibt und man bei der Eröffnung sich eine Geheimzahl aussuchen kann. 

Geld spielt in Amerika natürlich eine große Rolle, doch leider auch dort, wo es bei uns zum Beispiel selbstverständlich ist, daß der Staat für den Unterhalt sorgt. Ich spreche nun von den Universitäten und Colleges. In der Regel müssen die Studenten oder ihre Familie die Studienkosten tragen und das sind nicht DM 75,- pro Semester, wie bei uns, sondern Tausende von Dollar pro Jahr. Und wieder wurde unser System bewundert. BAföG ist in Amerika kein Thema, die Studenten verlassen in der Regel in Universität mit einem Berg von Schulden. Bei AGFA habe ich mehrere Maschinenbaustudenten kennengelernt und war dann sehr überrascht, als ich erfuhr, wie eine typische Ausbildung in den USA aussieht. Ausbildungen, wie wir sie kennen, sind in Amerika nicht üblich. Als ich erzählte, daß ich eine 3-jährige Ausbildung gemacht habe und dort handwerkliches und theoretisches gelernt habe, wurde nicht schlecht gestaunt. In Amerika ist der übliche Weg nach der Highschool zum College und zur Universität. Die Studiensemester sind so angelegt, daß die Studenten regelmäßig einen co-op term" haben, was wie ein Praktikum in einem Betrieb ist. Dort lernen sie dann einen großen Teil ihrer praktischen Ausbildung und verdienen Geld für das nächste Semester. Und auch hier kann man wieder behaupten, daß das deutsche Schul- und Ausbildungssystem besser organisiert ist, was sich nicht zuletzt dadurch bestätigt, daß deutsche Ingenieure ein hohes Ansehen in amerikanischen Firmen genießen. 

Eine andere große Erfahrung für mich war die Weihnachtszeit. Ich bin, wie erwähnt, im Oktober in Amerika angekommen und habe schon bald festgestellt, daß ganz Amerika in einer Art Vorweihnachtsstimmung schwebte, welche nach Halloween so richtig begann. Holiday season" wurde sie genannt und man meinte damit die Zeit in der Thank's giving" und Christmas" liegen. So konnte man auch schon recht früh den Weihnachtsschmuck in den Kaufhäusern bestaunen. Viele Häuser verwandelten sich in den Adventswochen zu wahren Wunderwerken. Beleuchtet und dekoriert mit einigen tausend Lichtern. In manchen Vorgärten konnte man lebensgroße Weihnachtsfiguren, die natürlich auch beleuchtet waren, bestaunen. Es war wirklich eine sehr schöne und außergewöhnliche Erfahrung. Ich bin mir trotz all dem ziemlich sicher, daß ich Weihnachten und Silvester nicht alleine in Amerika geblieben wäre, wenn nicht meine Freundin und mein Bruder zu Besuch gekommen wären. Es hörte sich im Oktober alles recht einfach an. Vier Monate, Weihnachten und Silvester, was soll's." Aber im Advent habe ich sehr schnell gelernt, daß Weihnachten alleine keine Alternative für mich ist. So wurde Weihnachten 1995 für uns drei ein unvergeßliches Erlebnis. 

Trotz der überhöhten Flugpreise zu dieser Jahreszeit glaube ich, daß meine Freundin und mein Bruder eine sehr beeindruckende Zeit hatten. Da ich für diese Zeit frei bekommen habe, konnten wir sehr viel unternehmen. Doch wie immer ist die Zeit viel zu kurz und bevor man sich versieht, muß man schon wieder Abschied nehmen. Silvester, die First night", haben wir mit Freunden in Boston verbracht. Nachdem wir am Nachmittag ein Barbecue im Schnee gehabt haben, sind wir mit der U-Bahn nach Boston gefahren. Die ganze Stadt war eine riesige Party und mit dem First night button", den man für $ 10,- kaufen konnte, hatte man zu allen möglichen Veranstaltungen freien Zugang. Wir habe davon keinen Gebrauch gemacht, da mein Bruder erst" 18 war und somit keinen Zugang zu Bars hatte. Statt dessen haben wir uns im Boston Common", dem großen Park inmitten der Stadt, die Eisskulpturen angeschaut. Es war ein wunderbares Erlebnis, welches mit einem Feuerwerk im Hafen, den Boston Harbor", gekrönt wurde. 

Die Amerikaner sind, meiner Erfahrung nach, sehr lebensfroh und immer hilfsbereit. Meine Arbeitskollegen waren da keine Ausnahme und je länger wir zusammen gearbeitet haben, desto größer wurde die Freundschaft. Auf der anderen Seite sind die Amerikaner aber eher zurückhaltend und als Fremder muß man schon den ersten Schritt machen, um mit ihnen in Kontakt zu kommen. So war es auch kein Problem bei AGFA Hilfe zu finden, wenn ich sie brauchte. 

Familie ist in Amerika ein großes Thema, und es scheint alles nach einer ungeschriebenen Regel abzulaufen. In der Woche der Job und am Wochenende die Familie. 

Ich habe das häufig an verschiedenen Sachen festgestellt. Zum Beispiel werden Parties in der Regel am Freitag gemacht, da am Wochenende Zeit für die Familie sein muß. So trifft man am Samstag und Sonntag viele Familien in den Malls", den amerikanischen Einkaufszentren, oder im Museum. 

Ein besonderes Interesse haben viele Amerikaner an der deutschen Geschichte und mehr als einmal habe ich mich darüber unterhalten. Die meisten haben in ihrer Familie oder in ihrem Bekanntenkreis Leute, die in Deutschland stationiert waren und viele interessieren sich dafür, was in unserem Land so vor sich geht. So haben wir unzählige Male über das soziale System oder über Politik gesprochen. Dabei habe ich auch festgestellt, daß alle, die je in Deutschland waren, sehr begeistert sind und immer wieder gerne zu uns kommen würden, wenn es nicht so weit wäre. Besonders bekannt sind zum Beispiel der Black Wood Forest", also der Schwarzwald, und mit ihm natürlich die Kuckucksuhren. Schlösser, Burgen und Weingebiete kennen die meisten als typische Sehenswürdigkeiten von Deutschland und, was selbstverständlich überall in der Welt bekannt ist, das Münchener Oktoberfest. Im allgemeinen empfand ich, daß die Amerikaner eine sehr positive Einstellung zu Deutschen haben und sehr wohl zwischen dem 2. Weltkrieg und heute differenzieren. 

Bei AGFA, und auch in vielen anderen Firmen, ist der Freitag ein besonderer Tag. Man merkt das zum Beispiel an den vielen Kindern die mit zur Firma kommen. 

Low dress day" wird der Freitag auch genannt und macht somit eine Ausnahme von der Kleiderordnung. Ich habe im Bereich engineering" gearbeitet, wo es eigentlich keine fest Kleiderordnung gibt. Jeans und T-Shirt waren immer ausreichend und nur wenn man etwas besonders, wie zum Beispiel ein wichtiges meeting", hatte, dann griff man schon mal zur Krawatte. Im Marketing und administrativen Bereich sieht das natürlich etwas anders aus und hier bemerkt man den Unterschied zwischen Freitag und den anderen Arbeitstagen sehr stark. 

Leider war der Winter nicht unbedingt einladend für Touren durch Neu England. Man hatte eher die Sehnsucht nach Kalifornien oder Florida. Aber abgesehen davon; es gibt eine Menge Plätze, die eine Tour wert sind. Daher kann ich eigentlich nur empfehlen einen Sommer in New England" zu verbringen. Ich habe viel Zeit in Boston verbracht und eine Menge erlebt, wie zum Beispiel das Schlittschuhlaufen im Public Garden", welcher direkt neben dem Boston Common" liegt. Auch Cape Cod ist eine Reise wert und gerade im Winter kann man dort die Natur genießen. Cape Cod ist ein sehr berühmtes amerikanisches Ferienparadies. Ab Juni bis zum September lebt diese Landzunge wahrlich auf und ist von Touristen nur so überflutet. Der Winter zeigt dagegen ein ganz anderes Bild dieser Gegend. Fast ausgestorben kommen einem die Orte dort vor. 

Abschließend kann ich eigentlich nur sagen, daß dieses Praktikum eine besondere und außergewöhnliche Erfahrung für mich war. Nicht alles war immer super und reibungslos doch eben diese Erfahrungen gehören wohl dazu. Vier Monate getrennt von Familie, Freunden und Heimat sind sehr lang und ein trister, kalter Winter tut das Seine dazu. So bin ich froh, daß ich diesen Schritt gemacht habe und die Begriffe "Heimat" und "zu Hause" wieder völlig neu für mich gefunden habe. 

Ich möchte an dieser Stelle allen danken, die mich auf diesem Weg unterstützt haben, ganz besonders meiner Freundin Babsi, die immer für mich da war, wenn mich das Heimweh quälte und ich jemanden zum Reden brauchte.