Tokyo, die Metropole im Land der aufgehenden Sonne

André Schulte, Studiengang Informationstechnik in Bocholt

Motivation

Ich freundete mich schon sehr früh mit dem Gedanken an, mein Praxissemester im Ausland zu absolvieren. Letztendlich wurde meine Begeisterung fürs Ausland von den Professoren untermauert. Ich wollte diese Chance nutzen, um etwas Einmaliges zu erleben.

Praxissemesterplatz

Die Hürden, die dieses Thema mit sich bringt, konnte ich durch viel Eigeninitiative, Veranstaltungen der Hochschule und Hilfe von Mitkommilitonenund Freunden bewältigen. Bei der Suche im Internet fasste ich für mein Praxissemester kein bestimmtes Zielland ins Auge. 

Es sollte eine interessante Firma in einem völlig fremden Land sein. Überraschend bot mir Professor Dr. Kroesen die Chance, bei Fujitsu in Tokyo zu arbeiten. 

Ein Traum wurde wahr, meine Herausforderung hieß Japan, die ferne Insel mit der weltführenden Technologie und des mystischen Buddhismus.

Vorbereitungen

Nach Zusage von Fujitsu blieb mir nur noch eine kurze Vorbereitungszeit. Ich bereitete mich mental und landeskundig auf das für mich völlig fremde und geheimnisvolle Japan vor. Um den japanischen Schriftzeichen und der Sprache nicht ganz hilflos gegenüberzustehen, nahm ich an der Hochschule an einem 2-monatigen Japanischkurs teil. Diese Veranstaltung wurde von Dirk Gouders, einem Mitarbeiter der Hochschule geführt, der zuvor selbst im Praxissemester und zur Diplomarbeit bei Fujitsu in Japan war. 

Erste Eindrücke

Am 17. Juli 1999 war es schon soweit. Es hieß nun für 5 Monate Abschied nehmen von der Freundin, Familie und den Freunden, kurz gesagt von meinem geborgenen Umfeld. Nach dem 14-stündigen Flug eröffnete sich mir schließlich das Land der aufgehenden Sonne. Mein Sitzpartner war zufällig ein netter Schweizer. Er hat mir freundlicherweise geholfen, meinen ungewissen Weg, quer durch die Metropole Tokyo zum Firmenwohnheim, zu finden. Ab nun war ich von Millionen hilfsbereiter und freundlicher Mitmenschen im unüberschaubaren Häusermeer Tokyos umgeben. Ich fühlte mich, trotz anfangs gemischter Gefühle, in einer angenehmen und menschlichen Atmosphäre aufgehoben. 

Arbeitsplatz

Voller Spannung und Ungewißheit begann mein erster Arbeitstag bei Fujitsu. Ich wurde an der Hauptpforte von einem Mitarbeiter meiner Arbeitsgruppe freundlich empfangen. Mein Arbeitsplatz befand sich im 18. Stockwerk des 20. stöckigen Hauptgebäudes der Fujitsuhauptniederlassung. Ich wurde direkt zu meinen japanischen Arbeitskollegen geführt, ohne in den Genuß einer ausgiebigen Führung des gigantischen Firmenkomplexes mit seinen 13.000 Entwicklern zu kommen. Nach einer kurzen Einweisung meines Arbeitsumfeldes konnte ich schon mit der Konfiguration meiner neuen Rechnerumgebung beginnen. Meinen Chef und dessen Vertreter Junichi Hagiwara lernte ich, wegen ihrer wichtigen Termine, erst am zweiten Arbeitstag kennen.

Als Gastgeschenk brachte ich für meinen Chef einen eingerahmten 100 Reichsmarkschein und für die neuen Arbeitskollegen selbstgebackene Plätzchen mit. Sie freuten sich sehr über meine deutschen Gastgeschenke und nahmen sie mit einem erstaunten Gesicht neugierig entgegen.

Meine japanischen Arbeitskollegen waren mir gegenüber sehr hilfsbereit und geduldig. Zu Anfang war es für mich ein wenig fremd, während der Arbeit nur englisch zu sprechen, aber ich gewöhnte mich schnell daran. Für einige meiner Arbeitskollegen war es ebenfalls schwierig, komplexe Sachverhalte in einer einfachen englischen Form auszudrücken. 

Meine Arbeit bestand darin, ein bestehendes Softwareprojekt weiterzuentwickeln. Dieses Projekt beinhaltete einen Prototyp, der ein erweiterndes Modul einer Suchmaschine darstellt und es der Suchmaschine ermöglicht, in XML-Dokumenten zu suchen. Bei der Ausführung meiner Arbeit setzte ich mich mit den Themen: Compilerbau, CGI, XML, API, Textsuchmaschinen, Testprogrammentwicklung, Dokumentationsverfassung und Projektpräsentation auseinander. 

Mein Chef gewährte mir bei der Ausführung meiner Arbeit sehr viel Freiheit. An meiner Beschäftigung fand ich unheimlich viel Spaß, welche mich durch viele neue und interessante Themengebiete der Softwareentwicklung führte. Des öfteren vergaß ich dabei den Feierabend. Mein internationales Arbeitsumfeld war sehr anspruchsvoll und verlangte eigenständiges Arbeiten. 

Eindrücke über Arbeitsatmosphäre

Fujitsu machte auf mich einen typisch japanischen Eindruck. Das merkte ich nicht nur daran, dass ich einer der seltenen europäischen Mitarbeiter bei Fujitsu war, sondern auch daran, dass klassische Musik im Aufzug gespielt oder die Pause von einer Spieluhrmelodie angekündigt wurde. Die Japaner trennen strikt privat und Arbeit. Bei meiner Welcomeparty und Farewellparty herrschte eine sehr heitere und spaßige Atmosphäre. Es wurden beim traditionellen Essen und Bier meist offene Gespräche untereinander, aber auch mit dem Chef geführt. Die Arbeit hingegen beinhaltet ein nüchternes, aber trotzdem lockeres und angenehmes Arbeitsverhältnis. Es war zu Anfang schwer, die Äußerungen meiner Vorgesetzten bezüglich meiner Arbeitsergebnisse zu deuten. Doch mit der Zeit lernte ich es besser einzuschätzen.

Das Arbeitsteam unterschied sich ein wenig von den anderen bei Fujitsu. Mein Chef Dr. Shindo ist einer der wenigen Vorgesetzten, der Auslandskontakte unterstützt und deutsche Praktikanten oder Diplomanden in sein Team aufnimmt. 

Bei Fujitsu, sowie auch bei anderen japanischen Firmen, wird bis spät in die Nacht gearbeitet. Das Bürolicht der Firmengebäude brannte sogar am Wochenende für die arbeitswütigen Mitarbeiter. Ich hatte den Eindruck, es herrsche in der Firma nie Feierabend, irgendjemand arbeitete immer. So heißt das Arbeitsmotto der Japaner „ganbatte ganbatte”, was soviel heißt wie „rann an die Arbeit”. Die Japaner arbeiten dennoch nicht den gesamten Arbeitstag effektiv. Teilweise gibt es Mitarbeiter, die ein kleines Nickerchen vor dem Rechner halten oder eine anregende Unterhaltung führen. 

Unterkunft

Während meines Aufenthaltes in Japan wurde mir ein 10m² Zimmer in einem naheliegenden Firmenwohnheim von Fujitsu kostenlos zur Verfügung gestellt. Das Wohnheim beherbergte ca. 100 Firmenangehörige aus aller Herren Länder. Dieses internationale Publikum bestand aus Praktikanten, Auszubildenden, Diplomanden und Mitarbeitern. Ich nutzte die Gelegenheit, internationale Kontakte zu knüpfen. Das gutgeführte Wohnheim lag über dem deutschen Standard. Es wurde von einem sehr freundlichen und hilfsbereiten japanischen Ehepaar gemanagt. Ich fühlte mich in der großen Wohngemeinschaft wohl. Es fehlte in der Unterkunft an nichts. Abends nutzte ich die Möglichkeit mit den Mitbewohnern etwas zu kochen und sich dabei ein wenig über die täglichen Ereignisse auszutauschen.

Tokyo

In Tokyo und in den angrenzenden Städten wie z.B. Kawasaki oder Yokohama leben insgesamt 12 Millionen Menschen. Die Metropole Tokyo ist einzigartig und man muß es einfach erlebt haben. Zur Superlative zählt das zum Jahr 2000 fertiggestellte unterirdische Autobahnnetz, welches sich tief unter der Erde unterhalb des U-Bahnsystems ausdehnt. Die Leute, die Gebäude, das Nachtleben und die japanische Mode sind so vielfältig und gegensätzlich, wie ich es zuvor noch nie in einer Großstadt vorfand. Jeder Stadtteil von Tokyo mit seinen Menschen erweckt einen individuellen Eindruck. Aufgrund der niedrigen Kriminalität fühlte ich mich sehr sicher. Es gibt keine gefährlichen Gegenden oder Slumviertel. Grund dafür ist meiner Meinung nach, dass die Japaner vertrauensvoll und fair sind, es von ihrem Gegenüber aber auch erwarten. So geben viele Jugendliche ihren Sitzplatz in der U-Bahn für ältere Leute oder Frauen mit kleinen Kindern her. 

Im hektischen Getümmel von Millionen von Menschen, die sich bemühen, schnell zum Arbeitsplatz zu kommen und stundenlang in der überfüllten U-Bahn stehen, versuchen viele diesen Streß durch Musikhören zu entfliehen. Ich verspürte in Tokyo eine einzigartige Disziplin. Überall, sei es in der U-Bahnstation oder vor Restaurants, wird sich am Ende der wartenden Menschenschlange angestellt und geduldig abgewartet. Die fettarme japanische Küche ist sehr abwechslungsreich und bietet weitaus mehr als nur Sushi und Reis. 

Mir ist aufgefallen, sobald Deutsche oder allgemein Ausländer als Gruppe auftreten, ist der Einzelne vom menschlichen Umfeld der Japaner abgekapselt. Ich erlebte diese Art von Blockade nur selten, da ich ohnehin häufig mit meinen japanischen Freunden unterwegs war. Die Einwohner waren an mir, als Ausländer, sehr interessiert, so fand ich schnell auch den Kontakt zu Einheimischen. Die meisten Japaner können englisch sprechen, aber wollen am Anfang damit nicht so richtig herausrücken. 

In Japan ist alles ein wenig verspielt, überall sind kleine rosa oder hellblaue Teddybärchen zu finden: am Handy, in der Werbung oder auf Webseiten von Firmen. Nicht nur Verspieltheit, sondern auch neuste und kleinste Technik, ist in Japan angesagt. Was in Nippon schon alt ist, kommt in Europa erst gerade auf den Markt, wie z.B. das Handy zum Internetsurfen, welches fast jeder in Japan schon seit über 2 Jahren besitzt. Während des langen Heimwegs in der U-Bahn werden damit Neuigkeiten per Internet erkundet oder die Mailbox abgefragt.

Ich finde die Japaner sind zwar ein imitationsfreudiges Volk, welches äußerlich an einigen Gebäuden wie den Tokyotower (Nachbau des Pariser Eifelturms) deutlich erkennbar ist. Dennoch strahlen sie etwas Eigenes aus, mit einer interessanten Mischung aus östlicher und westlicher Kultur. Ich konnte den Japanern in menschlicher Beziehung viel abgewinnen, sie führen einen vertrauenswürdigen, fairen und gepflegten Umgang.

Freizeit

Bei meinem Japanaufenthalt war mir besonders der enge Kontakt zur Kultur und der Umwelt wichtig.

Ich unternahm viele Trips, entweder zu zweit oder alleine. Die traditionelle japanische Kultur und Atmosphäre herrschen nur weitab der Metropole, denn Tokyo erweckt nicht den Eindruck von Japan. Bei meinen Unternehmungen übernachtete ich mehrmals außerorts, um die japanische Kultur hautnah zu erleben. Ich bin unter anderem mit einem Japaner zur sehenswerten alten Kaiserstadt Kyoto geflogen, besuchte die historischen Tempelanlagen im Nationalpark der Stadt Nikko, verbrachte ein Wochenende im Naturgebiet der Halbinsel Izu und erklomm den höchsten Berg Japans, den Fuji-san (3776 m) auch unter Fuji-yama bekannt. Natürlich verbrachte ich einen Großteil meiner Freizeit in Tokyo. Dabei kam ich in den Genuß der bedeutenden Stadtteile, Bauwerke, Museen, Festivals und des Nachtlebens.

Sport

Tokyo bietet ein breitspuriges Sportangebot, vom populären Baseball über Golf bis hin zum traditionellen Sumo oder Kendosport. Der japanische Kampfsport faszinierte mich schon immer. Zusammen mit Freunden besuchte ich ein Sumokampftunier und die japanische Kendomeisterschaft. Die Eintrittspreise waren für einen billigen Sitzplatz, bei solch bedeutenden Sportveranstaltungen doch recht günstig. Baseball kann in Tokyo nicht nur im Stadion, sondern auch an fast jedem Flußuferplatz kostenlos gesehen werden. Dort finden meist am Wochenende regelmäßig Trainingsspiele statt. Selbst Golf wird in Tokyo gespielt. Die großen Gitterkästen mit den mehrstöckigen Abschlagzellen überragen die umliegenden Wohnhäuser. 

Fujitsu Ltd. besitzt ein eigenes Sportzentrum auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Firmengeländes. Das Angebot des Sportzentrums bestand, um nur einige zu nennen, aus Hallenschwimmen, Basketball, Gewichtheben, Karate und Kendo. Ich konzentrierte mich hauptsächlich auf den Kampfsport Kendo. Ich wurde herzlich in den Fujitsu-Kendoclub aufgenommen. Ein Kendomeister des Clubs hat freundlicherweise auf einen Teil seines Trainings verzichtet und mir wöchentlich die Kunst des Schwertkampfes gelehrt. Dabei erfuhr ich sehr viel über die japanische Kultur und Tradition. 

Hinweise für nachfolgende Praktikanten

Die Beratung des Geldtransfers von Deutschland nach Japan an einer heimischen Bank sollte mit Vorsicht genossen werden. Für deutsche Bankangestellte ist das japanische Bankwesen ein wenig suspekt, wie ich selber feststellen mußte. Der einfachste und günstigste Weg, Geld zu überweisen, ist die Citybank zu nutzen. Die Citybank ist, im Gegensatz zu Deutschland, in Japan sehr verbreitet und angesehen. Bei einer Kontoführung wird ein gebührenfreier internationaler Geldtransfer angeboten. 

Um der Gastfreundlichkeit der Japaner etwas entgegenzukommen, sollte daran gedacht werden, Gastgeschenke aus der Heimat mitzunehmen. Es müssen nicht unbedingt teure Geschenke sein. Die Japaner schenken Freunden gerne etwas, da wäre es unschön, mit leeren Händen dazustehen. Am ersten Arbeitstag ist es Sitte, den Chef und die Mitarbeiter mit einer Kleinigkeit aus der Heimat zu begrüßen. Genauso bringen viele Mitarbeiter nach einer Reise den Arbeitskollegen Süßigkeiten vom Reiseziel mit.

In Japan ist es nicht notwendig, sich an Verhaltensregeln zu klammern. Durch vorsichtigen Umgang und einem feinen Fingerspitzengefühl wird viel verziehen. Bei freundlichem Nachfragen wird gerne geholfen. Lautes Schmatzen und Schlürfen gehören zur japanischen Eßkultur, jedoch sollten kräftiges Trompeten beim Naseputzen oder das Betreten eines Holzbodens mit Schuhen auf jeden Fall vermieden werden.

Finanzierung

Ich konnte während meines Auslandsaufenthaltes im Firmenwohnheim kostenlos wohnen, welches mir eine beträchtliche Miete ersparte. Eine weitere finanzielle Unterstützung bekam ich von Fujitsu nicht. Der Deutsch Akademische Austauschdienst erstattete mir größtenteils die Flugkosten. Als Eigenleistung für meinen Japanaufenthalt nahm ich die monatlich beträchtlichen Lebenshaltungskosten von 2500 DM auf mich.

Fazit

Tokyo zählt zu einer der teuersten Städte der Welt. Jedoch habe ich es mir nicht nehmen lassen, das Land zu bereisen und den Aufenthalt zu genießen. 

Dieses ehemalige Fischerdorf mit seinen bis heute bestehenden Wasserstraßen ist einmalig. Die Erfahrungen, die ich in diesem bedeutenden Lebensabschnitt machte, sind es wert, einige Hürden zu nehmen. Denn mit solch einem Schritt schreibt man eigene Lebensgeschichte, die einem keiner mehr nehmen kann. Ich bin für den Optimismus, auf dem Weg ins Ungewisse, reichlich belohnt worden. Ein Praxissemester im Ausland ist eine wertvolle Bereicherung, nicht nur beruflich, sondern auch für den persönlichen Horizont. Es kommt auf einen selber an, was das Praxissemester einem gibt.

Es ist nicht möglich all die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit machte, auf ein paar Blatt Papier niederzuschreiben und durch ein paar Bilder, den wahren Eindruck des Landes zu vermitteln. Ständig kommen neue Eindrücke hinzu. Ich sehe nun meine Heimat und Asien aus anderen Augen. Ich hoffe nur, dass ich einige für diese relativ unbekannte Kultur interessieren konnte. Japan ist zu einer der größten wirtschaftlichen Weltmächte herangewachsen, wobei die Menschlichkeit und Bescheidenheit nicht auf der Strecke geblieben sind. Ich wünsche allen Studenten ein erfolgreiches Praxissemester. Für eventuelle Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung.