Praxissemester in Seoul
Sonja Jun, Studiengang Wirtschaft Gelsenkirchen
Im Sommersemester 1998 habe ich mein Praxissemester als Stipendiatin der Carl Duisberg Gesellschaft bei der Mannesmann Demag AG in Seoul, Südkorea absolviert. Beschäftigt war ich bei der Interservice Korea Branch, einer100prozentigen Tochter der Mannesmann Demag AG, Duisburg. Seit seiner Gründung 1982 versteht sich das Unternehmen als Stützpunkt für die Erschließung des koreanischen Marktes.
Meine Aufgabe war es, mittels einer Marktstudie im Bereich der Umwelttechnologie die Chancen des Geschäftsbereiches Energie- und Umwelttechnik1 auf dem koreanischen Markt zu analysieren.
Entgegen meiner ursprünglichen Vorstellung sprachen in Korea nur wenige Menschen Englisch. Zwar wird Englisch als erste Fremdsprache schon ab der fünften Klasse unterrichtet, aktiv beherrschen es aber nur diejenigen, die im englischsprachigem Ausland studiert haben. Die Erstellung meiner Marktstudie war deshalb etwas problematisch. Im Alltagsleben konnte ich mich zwar auf Koreanisch verständigen, bei umwelttechnischen Details war ich jedoch sicherer im Englischen. Für meine Termine bei den diversen Umweltinstituten und Organisationen war ich deshalb auf einen englischsprechenden Gesprächspartner angewiesen. Selbst größere Institute hatten Schwierigkeiten, mir des Englischen mächtige Ansprechpartner zu nennen. Bei kleineren war das häufig nicht möglich. Die Sprachbarriere erwies sich dann auf beiden Seiten als sehr hoch.
Was die aktuelle Literatur zur koreanischen Umwelttechnikbranche betrifft, so gab es kaum Material in Englisch. Einige Schriften haben manchmal sehr knappe englische Zusammenfassungen, ansonsten wird alles in Koreanisch veröffentlicht.
Visitenkarten sind im koreanischen Geschäftsleben sehr wichtig. Sie dienen dazu, den jeweiligen Gesprächspartner nach seiner Stellung innerhalb des Unternehmens einzuordnen und so auch dessen Wichtigkeit einzuschätzen. Deshalb werden nach der Begrüßung Visitenkarten getauscht. Mein Chef in Seoul wußte dies. Schon zu Beginn meines Praktikums habe ich daher eigene Visitenkarten bekommen, auf denen ich als "Consultant" ausgewiesen war. Dies hat mir bei meinen Recherchen sehr geholfen. Mit einer Praktikantin, noch dazu einer ohne Visitenkarte, hätte wahrscheinlich niemand sprechen wollen.
Insgesamt war mein Praktikum bei Mannesmann Interservice Korea Branch recht abwechslungsreich. Ich konnte sehr selbständig und unabhängig arbeiten und meine Termine bei Institutionen und Organisationen selber planen. In diesen sechs Monaten habe ich einiges über die koreanische Unternehmenskultur und die Mentalität der Koreaner erfahren und festgestellt, daß sie sich von den deutschen in sehr vielen Punkten unterscheidet: Die Arbeitszeiten in Büros sind um einiges länger als bei uns: montags bis freitags wird von neun Uhr bis 18 Uhr gearbeitet und samstags von neun Uhr bis 14 Uhr. Überstunden sind selbstverständlich und werden in der Regel weder bezahlt noch mit Freizeit ausgeglichen. In koreanischen Betrieben gibt es nur eine Woche Jahresurlaub, der auch noch vorgegeben wird. Meist wird Ende Juli oder Anfang August das gesamte Unternehmen für diese Urlaubswoche geschlossen. Die Unternehmensstruktur ist stark hierarchisch bzw. konfuzianistisch geprägt. Seinem Vorgesetzten widerspricht man normalerweise nicht und man verläßt den Arbeitsplatz abends keinesfalls vor ihm. Häufig gehen Kollegen nach der Arbeit zusammen essen und anschließend in Trinklokale. Das soll das Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander fördern. Frauen dürfen ihre Kollegen zum Abendessen begleiten, aber nie gehen sie mit zum Trinken. In den meisten koreanischen Unternehmen sieht man Frauen nur als Sekretärinnen, selten aber in beratenden oder gar führenden Positionen.
Die Grundlagen der koreanischen Sprache habe ich während meines zehnwöchigen Sprachkurses an der Yonsei Universität erlernt. In Kleingruppen von acht bis zehn Leuten war gemeinsames intensives Lernen in 20 Wochenstunden möglich. Dabei wurden nicht nur das Lesen und Schreiben, sondern auch Hörverstehen und Sprechen gelehrt. Dem Sprechen wurde besonders viel Aufmerksamkeit gewidmet, und in immer wiederkehrendem Dialogdrill wurden die am häufigsten vorkommenden Gesprächssituationen eingeübt. Das hat mir eine gute sprachliche Ausgangsposition verschafft. Im Büro habe ich abwechselnd koreanisch und englisch gesprochen, dabei trat Englisch mit der Zeit mehr und mehr in den Hintergrund. Die Kollegen im Büro haben sich bemüht, in einfachen koreanischen Sätzen mit mir zu sprechen. Auch mit meinen Vermietern(ein junges Ehepaar und die Mutter des Ehemannes) mußte ich von Anfang an Koreanisch sprechen, da nur der Mann ein wenig Englisch sprach. Auch sie haben sich alle bemüht, einfache Wörter zu verwenden, so daß ich mit dem Verständnis selten Probleme hatte. Alltagssituationen waren nicht schwierig, doch komplizierte Sachverhalte habe ich nur mit Mühe und mit der großen Vorstellungskraft meines jeweiligen Gesprächspartners darstellen können. Manchmal war es ein wenig frustrierend, nicht das ausdrücken zu können, was man gerne wollte. Mit der Zeit aber kann man auch damit umgehen.
Eine weitere Quelle neuer Vokabeln war mein Taekwon-do Training (das ist eine koreanische Kampfsportart), das ich all abendlich besucht habe. An Wochenenden war ich einige Male mit "Trek Korea", einer koreanischen Reisegruppe, die die weniger bekannten Regionen Koreas entdeckt, unterwegs. So hatte ich ständig die ganze Woche lang Kontakt zu Einheimischen und habe auf diese Weise meine Koreanischkenntnisse vertiefen und erweitern können, was auch dazu beitrug, daß ich mich mehr und mehr integrieren konnte. Andere Denk- und Arbeitsweisen, vor allem der dehnbare Begriff der Zeit - und in diesem Zusammenhang Pünktlichkeit und Termingenauigkeit - haben mich manchmal vor den Kopf gestoßen. Doch am Ende meines Aufenthaltes habe ich mich wie "eine unter vielen" gefühlt. Grund dafür war auch, daß ich nach dem Sprachkurs fast ausschließlich Kontakte mit Koreanern und kaum noch mit anderen Ausländern gepflegt habe. Nur so kommt man Land, Leuten und vor allem der Sprache näher.
Seoul als Stadt ist ungeheuer anstrengend - nicht nur, wenn man dort arbeitet. Koreaner leben eng und dicht zusammen. Vielen Straßen fehlt der Bürgersteig, so daß motorisierter Verkehr und Fußgänger sich regelmäßig in die Quere kommen. Überhaupt: der Autoverkehr. Die Rush-hour am Morgen und wiederum am Abend sollte man im angenehmen Ambiente verbringen, sofern man dies kann. Auf der Straße sind dem Fußgänger wie auch Autofahrer dann nämlich Lärm, Gedränge und Streß nahezu sicher. Selbst der öffentliche Personen- und Nahverkehr, der hervorragend ausgebaut ist, hilft dann nur noch partiell. Zwar muß man dann nicht selbst fahren, aber in Bussen und U-Bahnen wird der Platz zum Umfallen knapp. Selbst am Wochenende ist der Seouliter nicht alleine. Im Familienverband erwandert er die nahegelegenen Berge oder quält sich mit dem Wagen aufs Land, was tausend andere ebenfalls tun. Sieht man über die Enge der Straßen hinweg, dann hat Seoul viel zu bieten für einen Praktikanten. Drei große Palastanlagen laden zu ausgedehnten Streifzügen durch die Vergangenheit ein. Die Innenstadt sprüht am Abend ohnehin vor Leben. Für mich waren die acht Monate in Seoul eine große Bereicherung, fachlich wie menschlich. Wer bereit ist, sich ernsthaft mit Land und Leuten auseinanderzusetzen, wird ein Praktikum in Seoul nicht bereuen.



