Praxissemester in Brasilien oder, was hat die Copacabana mit Entsorgungstechnik zu tun ??
Frank Oswald, Studiengang Entsorgungstechnik in Bocholt
Im November `96 bewarb ich mich bei der BASF in Ludwigshafen um einen Praxissemesterplatz in Brasilien. Da ich bis Anfang nichts von der BASF gehört hatte, und mir einige Leute sagten, das die Vorbereitungen für ein Praxissemester im Ausland in der Regel 6 Monate dauern, begann ich mit der Suche nach einem Platz in Deutschland. Anfang Februar bekam ich einen Anruf von der BASF und man sagte mir, daß ich mich schnell um die Impfungen und die Visumsangelegenheiten kümmern solle, da die Möglichkeit bestehe, ab April für 5 Monate in Brasilien zu arbeiten.
Die verbleibenden 7 Wochen bis zu meiner Abreise verbrachte ich mit der Suche nach einem günstigen Flug, der Koordination von 7 Impfungen und den Visumsangelegenheiten. Das war echter Streß.
Mit dem ersten Brief den ich von der BASF bekam, erhielt ich eine Lebensversicherung und eine umfangreiche AIDS- Broschüre. Dementsprechend vorbereitet traf ich am28. April ohne einen Vertrag in Sao Paulo ein. Zu diesem Zeitpunkt sprach ich kein einziges Wort portugiesisch. Am Flughafen erwartete mich ein Chauffeur mit einem Firmenschild der BASF in der Hand. Das war schon ein geiles Gefühl, als Student mit einem Firmenwagen vom Flughafen abgeholt zu werden. So wurde ich also sicher durch eine der größten Metropolen der Welt geleitet und bezog eine Unterkunft bei einer deutschen Familie.
Der erste Eindruck von Sao Paulo war erschreckend. 17 Mio. Menschen eingepfercht in Papphütten (Favelas) oder in Betonburgen. Keine Brücke unter der nicht Menschen lebten und ein wahnsinniger Smog machten den Aufenthalt in S.P. zu einem Höllentrip. In den Straßen von S.P. ist es abends sicherer bei rot über die Kreuzung zu fahren. Die Wahrscheinlichkeit in einen Unfall verwickelt zu werden ist geringer als die Wahrscheinlichkeit beim Warten überfallen zu werden.
Die folgenden 5 Wochen arbeitete ich in der Umweltschutzabteilung einer Farbenfabrik in Sao Paulo. Mein Arbeitstag begann um 05:00 Uhr morgens und endete gegen 18:30 Uhr, inklusive 3 Stunden Busfahrt durch Sao Paulo. An den Wochenenden sah ich mir die Stadt an, unternahm mit der deutschen Familie Kurztrips zum Atlantik und nach Argentinien.
Auf mein Drängen wurde ich Anfang Mai nach Guaratingueta versetzt. Das liegt genau zwischen S.P. und Rio de Janeiro. Die BASF hat dort ein Werk mit ca. 1100 Beschäftigten. Dort arbeitete ich die verbleibende Zeit in einer Müllverbrennungsanlage und einer Kläranlage. In der Freizeit fand ich neue Freunde und lernte wichtige Sachen über den brasilianischen Futebol. Die 230 km bis nach Rio schaffte der Überlandbus in knapp 4 Stunden und von der Jugendherberge bis zum Copacabana - Strand waren es nochmals anstrengende 5 Minuten zu Fuß. Die unauffälligste Bekleidung in Rio war Badehose und Schnellos( Badelatschen ). Mehr war im brasilianischen Winter aber auch nicht nötig.
Fazit
Die 5 Monate im Ausland waren, von einigen Grenzerfahrungen einmal abgesehen, das Beste an meinem bisherigen Studium. Es hat sicherlich viel zur Förderung der Eigeninitiative und zum selbständigen Arbeiten beigetragen. Auch glaube ich nun die eigene Kultur durch Bezug zu einer anderen Kultur besser zu kennen.
( Ich habe mich noch nie so auf Kartoffeln gefreut wie nach den 5 Monaten mit Reis und Bohnen)



