Fujitsu Ltd., Kawasaki, Japan

Dirk Gouders, Studiengang Elektrotechnik Bocholt

Dies ist ein kleiner Bericht über meine Erlebnisse und Erfahrungen in einem Land, gegenüber dem von der Begeisterung für die Ästhetik und Spiritualität bis hin zur Verachtung und der Angst gegenüber der Arbeitswut" und dem gewaltigen finanziellen und technischen Potential sicherlich die verschiedenartigsten Einstellungen existieren. 

Bei der Suche nach einer Praxissemesterstelle hatte Fortuna mit Sicherheit ihre Finger mit im Spiel, hatte ich doch überhaupt keine Kontakte nach Japan.

Begonnen hatte ich die Suche, indem ich eine Anfrage per Fax zum National Laboratory for High Energy Physics (KEK) nach Tsukuba City schickte. Der dortige Leiter der EDV-Abteilung war zwar prinzipiell bereit, mich als Praxissemesterstudent aufzunehmen, später stellte sich aber leider heraus, daß die dortigen, strengen Sicherheitsbestimmungen dagegen sprechen. Daraufhin verschaffte mir Prof. Watase den Kontakt zu Fujitsu, wo ich dann schließlich auch mein Praxissemester absolvierte.

Obwohl ich bereits vor einigen Jahren begonnen habe, die Japanische Sprache zu erlernen. absolvierte ich zu Beginn meines Aufenthaltes einen einmonatigen Sprachkursus bei der Arc Academy in Shinjuku, Tokyo. Dies hatte erstens den Vorteil, daß ich etwas Zeit hatte, mich mit der Zeitumstellung und mit der neuen Umgebung vertraut zu machen, zweitens hatte ich nach meiner Ankunft eine sehr viel realistischere Vorstellung, was meine damaligen Kenntnisse der Japanischen Sprache betrifft.

Am 02.Oktober 1996 war es dann soweit - mein erster Tag bei Fujitsu: 13.000 Personen arbeiten am Standort Kawasaki (Nakahara), wo lediglich verwaltet, entwickelt und geforscht wird. Ich arbeitete im achtzehnten Stock des Hauptgebäudes, von dem aus man bei guter Witterung einen sehr beeindruckenden Blick auf den Fuji-san1 hat. Meine Aufgabe bestand zunächst darin, mich mit dem Betriebssystem und den Grundlagen des Parallel Programming vertraut zu machen, indem ich einige Test- und Sortierprogramme erstellte. In der letzten Hälfte des Praxissemesters hatte ich die Aufgabe, die Benutzung einiger Tools zur Entwicklung paralleler Software auf einem Parallelrechner namens AP3000 zu ermöglichen.

Die oft verbreiteten Geschichten über einige Rituale, die in Japanischen Unternehmen an der Tagesordnung sind, kann ich nicht bestätigen - ich bin zu dem Schluß gekommen, daß die beruflichen Verhaltensweisen, genau, wie in Deutschland, branchen- und tätigkeitsabhängig sind...

Die langen Arbeitszeiten dagegen entsprechen voll der Wahrheit - Arbeitsbeginn ist bei Fujitsu um etwa 9:00 Uhr; selten verläßt jemand vor 20:00 Uhr seinen Arbeitsplatz - auch, wenn ich einmal bis 23:00 Uhr im Büro geblieben bin, war ich nicht der letzte...

Die Japanische Küche hat in mir, der vor seinem Japanaufenthalt keinerlei Erfahrungen mit ihr gemacht hat, einen neuen Liebhaber gewonnen. Das gibt mir auch Gelegenheit, ein weiteres Gerücht zu relativieren: die Japaner essen durchaus nicht nur rohen Fisch. Es gibt zwei Spezialitäten (mein Kenntnisstand!) - nämlich Sushi und Sashimi - , die aus rohem Fisch verschiedenster Art hergestellt werden und vorzüglich schmecken. Hauptsächlich wird Fisch in Japan aber gekocht gegessen. Außerdem wird in Japan in steigendem Maße Fleisch gegessen. Der große Vorteil beim Japanischen Essen liegt im niedrigen Fett- und hohen Nährstoffgehalt - aber auch hier ist der steigende westliche Einfluß unübersehbar.

Mein Aufenthalt in Japan bestand zu einem großen Teil aus sportlichen Aktivitäten. Während des ersten Monats, in dem ich den Sprachkurs absolvierte, hatte ich Gelegenheit, viermal in der Woche in einem nahegelegenen Judo-Dojo zu trainieren. Außerdem wurde ich bei meinen Erkundungen des sportlichen Angebotes eingeladen, an einem Kendo Anfängerkursus teilzunehmen. Auch bei Fujitsu gab es reichlich Gelegenheit, sich sportlich zu betätigen - man konnte ein Hallenbad und mehrere Fitnessräume benutzen und sich einer der zahlreichen Kampfsportgruppen anschließen - da leider keine Judo-Gruppe existierte, schloß ich mich der Kendo -Gruppe an. Hier und im Kendo - Verein im Musashino - Sportkomplex, den ich weiterhin jeden Samstag besuchte, gab man sich erstaunlich viel Mühe, mich im Kendo zu unterrichten. Da ich mit den Mitgliedern beider Gruppen auch nebenher sehr viel unternommen habe, hat sich das natürlich auch positiv auf meine Fortschritte in der Japanischen Sprache ausgewirkt. Krönender Abschluß aus sportlicher Sicht war das Bestehen der Prüfung zum 1. Kyu, wodurch ich gleich zwei Stufen übersprungen hatte².

Ein großer Nachteil bei einem Aufenthalt im Großraum Tokyo ist, daß man wohl das Leben in einer Weltmetropole kennenlernt, ein Kennenlernen der Japanischen Kultur ist aber sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Daß dieser Mangel teilweise behoben wurde, habe ich meinen Japanischen Freunden zu verdanken - ich habe den Jahreswechsel bei einer Japanischen Familie in Zao (Miagi-ken) verlebt und dadurch einen sehr tiefen Einblick in das Japanische Familienleben erhalten, ein weiterer Freund hat darauf bestanden, mit mir einen Ausflug nach Kyoto zu unternehmen und mir seine Universitätsstadt vorzustellen, meine Arbeitskollegen haben mehrere Ausflüge mit mir unternommen, zweimal war ich zu Besuch bei meinem Chef und regelmäßig erlebte ich die interessantesten Gespräche mit Freunden aus dem Kendo - Club nach dem Training beim Abendessen im Isakaya...

Hier schließe ich den Bericht über meinen Aufenthalt in Japan. Er ist sicherlich sehr oberflächlich, kann die Erfahrungen, die man während eines Auslandaufenthaltes macht, aber auch nicht im Detail wiedergeben. Vielleicht hat er aber ein wenig Geschmack gemacht und den ein oder anderen in seinem Beschluß bekräftigt, das Praxissemester im Ausland zu verbringen, wozu ich viel Glück und Erfolg wünsche.

Dirk Gouders 

Dirk.Gouders@et.bocholt.w-hs.de 

1 Fuji-Yama ist eine falsche Aussprache der entsprechenden Schriftzeichen. 

2 Musashi" ist der Titel des sehr empfehlenswerten Romans von Eiji Yoshikawa über den wohl berühmtesten Japanischen Samurai Miyamoto Musashi; ISBN 3-426-60401-9