Südafrika und mehr

Dirk Starke, Fachbereich Informatik Gelsenkirchen

Vorbereitung/Entscheidung: Schon seit Jahren hatte ich davon geträumt, ins Ausland zu gehen. Es war immer mein Wunsch, dem deutschen Amtsschimmel und einigen anderen typisch deutschen "Ordentlichkeiten" wenigstens für einige Zeit zu entfliehen. Am Anfang war alles noch so weit weg, daß ich nicht selber aktiv war. Das hat sich dann nach und nach geändert. Man besorgt sich Informationen über Länder, über Firmen und bewirbt sich. Mein Ziel war anfangs Malaysia. Für mich als angehenden Informatiker erschien es genau richtig: englischsprachig, schon lange kein Land hinter Technik und Fortschritt mehr und vor allem weit genug weg, damit das Heimweh auch groß genug ist (oder so). In Bezug auf die Bewerbungen wuchs die Zahl der Enttäuschungen jedoch mit der Zahl der Semester. 

Flug: Na ja, so unglaublich es klingt, ein gutes halbes Jahr später, am 7. Oktober saß ich dann ja auch im Flieger nach Johannesburg via Paris. Rund zwölf Stunden Zeit hat man, um sich zu überlegen, wie es dazu kam. Ich hatte mich beworben, auf Antwort gewartet. Warten war sowieso eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. OK, das war gelogen. Nach meinem Gefühl drei Wochen vor dem geplantem Flugtermin hatte ich dann endlich die Zusage. Tatsächlich waren es wohl fünf Wochen, aber in dieser Zeit mußte ich mich ja schließlich auch noch um Visa, Auslandskrankenschein, betreuenden Professor, Kindergeld und was weiß ich noch kümmern. Nicht zu vergessen sind drei Prüfungen, die ich gegen Ende September noch hinter mich bringen mußte. Da ich nicht nur 20 (Pflicht-)Wochen in Südafrika bleiben wollte, war es für mich wichtig und vorteilhaft, daß dies die letzten drei Prüfungen des Studiums waren. Ich hatte mit der Firma eine Abmachung für 38 Wochen getroffen, also fast neun Monate. Zurück zum Flieger. Zwölf Stunden sind lang genug, um festzustellen, daß man noch gar nichts über das Land, die Firma und "Kleinigkeiten" wie Unterkunft und südafrikanische Preispolitik weiß. Reicht mein Englisch? Also fängt man mit dem Land an und schnappt sich erstmal die Reiseführer. Die Südafrikabibel scheint übrigens der "Lonely Planet" zu sein. Fast jeder hat ihn und darüber hinaus ist er ja auch wirklich hilfreich. Das schlaue Buch sagt einem, daß man rund 1,2 Mio. km2 (ungefähr dreieinhalb mal die Fläche Deutschlands) zu erkunden haben wird. Besiedelt ist das Ganze von rund 40 Millionen Menschen, was vermuten läßt, daß für einen noch Platz ist. Höher schlägt das Herz eindeutig bei den Wetteraussichten für den vermiedenen deutschen Winter, den man in Johannesburg mit um die zwanzig Grad Celsius und durchschnittlich neun Stunden Sonne pro Tag verbringen wird. Übrigens liegt diese Stadt mit ihrem Klima überhaupt ganz weit vorn im Weltvergleich was Gleichmäßigkeit und Verträglichkeit anbelangt. Neben den ganzen Fakten, die man sich noch über Südafrika aneignen kann sieht man dann noch ein paar Fotos an, die bestätigen, was schon die Überschrift verhieß: "Eine Welt in einem Land". 

Die Firma: Der Kopf des Vertrags zeigt groß "Man­Machine Dynamics". Das kann alles und nichts heißen. "Man­Machine Dynamics is involved in the supply and service of Industrial Computer-Based Systems, for example Computer-Aided Quality, Computer-Aided Testing, Factory Data Acquisition, and Automation. The position which we have for you could entail development, installation, maintenance, and/or customer support of a variety of such systems for various customers, mainly for the Manufactoring Industries (especially Automotive)," heißt es da weiter. Man weiß zwar nicht genau, worauf man sich da eingelassen hat, aber man hofft, daß es für das Prüfungsamt ausreicht (im FB Informatik ist das Praxissemester Pflicht). An dieser Stelle hört man besser auf mit Grübeln. Der Flieger ist einmal unterwegs; es gibt kein Zurück mehr. 

Ankunft: Um 9:20 h ist es dann auch schon so weit, die Maschine setzt auf dem "Johannesburg International Airport" auf. Man quält sich durch die üblichen Formalitäten und steht in der Ankunftshalle. Dort sollte ich abgeholt werden, aber wo und wie? Eine Frau wartet mit einem Schild mit meinem Namen und ich laufe freudig darauf zu, da quatscht mich ein Mann an. Ich war so überrascht, daß ich nichts verstanden habe. Schließlich ist die englische Sprache auch noch etwas ungewohnt. Ich erläutere kurz mein Vorhaben und von einem Moment zum anderen ist er verschwunden. Bis heute weiß ich nicht, ob das in einem Überfall hätte enden können. Nach allem, was ich so gehört hatte, war das gar nicht so unwahrscheinlich. 

Wo wir gerade dabei sind: Da darf man sich keinen Illusionen hingeben: speziell in Johannesburg gibt es eine "erhöhte Gewaltkriminalität", wie es in Schreiben von Behörden und Botschaften immer heißt. Von bestimmten Gegenden hält man sich besser fern. Nicht nur Soweto gehört dazu, auch die Innenstadt, Alexandra und alle anderen Townships! Morde gehören in Jhb. zur Tagesordnung, genauso wie Diebstahl, Raub und Vergewaltigung. Nur wer lebensmüde ist, sollte sich auf irgendwelche Risiken einlassen. Die Freundin eines Arbeitskollegen ist in der Innenstadt in der Nähe ihres Arbeitsplatzes überfallen und schwer verletzt worden, so daß sie im Krankenhaus behandelt werden mußte. Es gab zwei mehr oder weniger versuchte Einbrüche, bei denen einmal einer meiner Hausmitbewohner und einmal die Sicherheitsfirma MMD's für eine Flucht sorgten. Die meisten wohlhabenden Leute- und da zählt man ziemlich wahrscheinlich dazu haben- Alarmanlagen und Sicherheitsfirmen, oftmals auch eine eigene Waffe. Ja, ihr habt richtig gelesen, 'ne Kanone. Auf der anderen Seite darf ich bemerken, daß mir persönlich in dieser Zeit nichts passiert ist, auch alle meine Freunde dort sind noch am Leben und unversehrt. Und natürlich habe ich mehrmals, jedoch überwiegend am Tage, die Innenstadt besucht. In Townships war ich nie, ansonsten habe ich mich einigermaßen ungehemmt in Johannesburg bewegt, nachts als auch tagsüber... Aber genug davon und zurück zum Flughafen. Vicky hieß die junge Frau, die mich danach in einer halbstündigen Fahrt auf der offensichtlich falschen Straßenseite in die Firma bringen sollte. Aber daran gewöhnt man sich schnell; nachdem man als Beifahrer ein paarmal auf der Fahrerseite einsteigen wollte hat man's drauf. Ganz besonders schön fand ich jedoch den krassen Unterschied vom herbstlichen Oktoberwetter in Deutschland zu dem freundlichen Frühlingswetter dort. Und das sollte tatsächlich noch besser werden. 

Die Firma, mein Arbeitsplatz, Kent Road 41, Dunkled West: Die Führung durch das Firmengebäude ein ganz normales Wohnhaus hat mich auch gleichzeitig an südafrikanische Standards gewöhnt. Große, offene Räume, mindestens zwei Badezimmer im Haus, eine Küche zur freien Benutzung, einen Pool im Garten, ein automatisches Tor, eine Alarmanlage, usw. In Deutschland nennt man so etwas Villa. MMD hatte zu der Zeit vier Festangestellte und drei holländische Studenten beschäftigt, keine große Firma also. Daher war das Klima in der Firma auch recht locker. Feste Arbeits- und Pausenzeiten gab es nicht, solange man acht Stunden am Tag arbeitete, konnte man machen, was man wollte. Ich habe größtenteils selbständig gearbeitet, mußte auch ab und zu mal zu unserem Kunden in Pretoria, für den ich das alles machte. Niemand schaute mir direkt auf die Finger. Die Kaffeepausen haben die Studenten meistens miteinander draußen in der Sonne verbracht. So machte selbst die Arbeit Spaß. 

Aufgaben: Über meinen Job dort möchte ich nur so viel sagen, daß ich eine nicht-relationale Datenbank exportiert habe, wobei die Daten auch konvertiert werden mußten. Zwei Programme habe ich in dieser Zeit dazu geschrieben und eine Datenbank entwickelt. Je nach Fachrichtung wären in Johannesburg und auch in der Firma sowieso ganz andere Dinge zu tun. 

Unterkunft: Mit all den Neuigkeiten, die ich so an meinem ersten "Arbeitstag" so in mich aufsog, verging die Zeit auch ziemlich schnell. Da für meine Unterkunft rein gar nichts organisiert war, hatten wir schon den ganzen Tag hin und her telefoniert, um eine Wohngemeinschaft für mich zu organisieren. Dabei waren Vicky und Maarten, die Angestellte vom Flughafen und ein holländischer Student bei MMD, sehr hilfreich. Trotzdem konnten wir nichts finden. So verbrachte ich die erste Nacht in einer Jugendherberge, was auch gar nicht weiter schlimm war. Sie war sauber und ordentlich und ich lernte ein paar interessante Leute aus der ganzen Welt kennen. Ich hatte von Leuten gehört, die bis zu einem Monat auf eine andere Unterkunft warten mußten. Das wäre vielleicht doch nicht so toll gewesen, denn schließlich möchte man sich auch mal einrichten. Am zweiten Tag ging es zunächst weiter wie am ersten. Später an diesem Tag hatten wir einen Holländer erreicht, der schon seit mehreren Jahren in Johannesburg lebte und selber eine WG organisierte, um unabhängiger von Landlords zu sein. Er hatte noch einen Raum frei und so wurde ein Treffen für den Abend vereinbart. Man könnte sich jetzt vorstellen, daß das immer noch keine Garantie auf ein Zimmer ist, aber es lief ganz unproblematisch ab. Ein paar Worte mit einem Glas Whiskey in der Hand und das Zimmer war mein. In den 900 Rand Miete waren die Benutzung der Wohnung einschließlich einer eingerichteten Küche, das Hausmädchen, der Gärtner und Strom und Wasser mit eingeschlossen. Nicht eingeschlossen war die sogenannte Hausrechnung, in der die Kosten für gemeinschaftlich angeschaffte Dinge (Brot, Milch, Eier, ...), sowie die Reinigungsmittel für den Pool und sonstige Reparaturen. Diese Art von "Unterkunft" ist in Johannesburg auch gar nicht außergewöhnlich. Die guten Wohnviertel bestehen größtenteils aus Einfamilienhäusern mit Garten und, und, und. Jedenfalls konnte man es dort richtig gut aushalten, wie man sich vorstellen kann. Trotzdem ist die ganze WG nach einem guten Monat umgezogen, aber nicht, um uns dabei zu verschlechtern. An dieser Stelle oder spätestens jetzt kommt unwillkürlich die Frage nach Apartheid und der Gedanke, daß nicht alle Menschen in Südafrika so leben. Das Land ist zerrissen. Es steckt in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die besonders unter der schwarzen Bevölkerung zu hoher Arbeitslosigkeit geführt hat, über 50% nämlich. "Affirmative Action" begünstigt die Einstellung und fördert die Bevorzugung schwarzer Mitarbeiter, doch aufgrund mangelnder Schulbildung sind diese häufig unqualifiziert und sorgen für Frustration auf beiden Seiten, auf schwarzer als auch auf weißer Seite. Und auch das sollte man nicht beschönigen, es gibt durchaus noch eine schwarze und eine weiße Seite, nicht mehr aufrechtgehalten durch Rassengesetze, sondern durch wirtschaftliche Zwänge. Südafrika ist im Umbruch, niemand bleibt davon verschont, weder im privaten noch im öffentlichen Leben. Und eines möchte ich hier unzweifelhaft klar stellen: Das ist gut so. Es wird noch einige Zeit dauern, bis die Akzeptanz der beiden Bevölkerungsgruppen für einander zu Einheit übergeht, aber das "Neue Südafrika" ist auf dem Weg. 

Johannesburg: Und dabei sind wir dann auch gleich beim nächsten Thema. Johannesburg hat sicherlich seine Reize, aber die Stadt alleine ist es weiß Gott nicht wert, so weit zu reisen. Es ist das Land. Ich habe in dieser Zeit Einiges gesehen. Von der Garden Route mit gemäßigtem Klima angefangen, zum Krüger Park und Swaziland mit Steppen, Buschland und Wäldern, über Lesotho mit einer einzigartigen Bergwelt bis hin zu den Victoria Falls in Zambia bzw. Zimbabwe. Wenn man versucht, das mit Worten zu umschreiben, dann kommt man immer wieder zu wunderschön, atemberaubend, bezaubernd. Besonders hervorheben möchte ich meinen Besuch in Lesotho. Ich habe dort einen geführten Drei-Tage-Trip mit Pferden in den Bergen unternommen. Unmöglich zu beschreiben. Die Menschen leben noch verhältnismäßig unberührt von den Einflüssen der "Wohlstandsgesellschaft". Keine Elektrizität, kein fließend Wasser. Die Leute sprechen im Allgemeinen kein Englisch und man wird von den winkenden Kindern in jedem Dorf mit "Bye bye" begrüßt. Das Feuer züngelt am Holz, wenn man sich nicht ­ wie wir ­ einen Gasbrenner organisiert hat (zumindest zum Kochen). Um sieben Uhr abends ist es stockdunkel und man sieht die Sterne so nah, als könnte man sie anfassen. Das "Kingdom in the Sky" ist unvergleichlich schön. Wer richtig Zeit mitbringt kann dort auch Wandertouren unternehmen, bei denen man tagelang keine Menschenseele trifft. Das gleiche weiß ich durch einen Kollegen auch über das Malolotja Nature Reserve in Swaziland zu berichten. Er ist dort vier Tage mit einem Freund ohne Führer unterwegs gewesen. Sie waren die ganze Zeit allein. Das zeigt, wie unberührt manche Gegenden dort noch sind. Wer es irgendwie schafft, die rund tausend Kilometer in Richtung Victoria Falls zu überbrücken, der sollte dies tun. Ich hatte dort nicht nur die Gelegenheit, dieses einzigartige Naturschauspiel zu bewundern, sondern auch jede Menge Spaß beim Austesten verschiedener Extremsportarten wie White-Water-Rafting (der Zambesi hat 5 Grad C) und Bunji Jumping. Die Fälle sind 1,7 km lang und rund hundert Meter hoch, mit einem beachtlichen Haufen Natur drumherum, in der es von Regenbögen nur so wimmelt. Drei unvergleichliche Tage meines Lebens waren das ganz sicher. Es gibt sicherlich noch vieles mehr. Ich habe wirklich zahllose Fotos von Freunden gesehen, die noch mehr gereist sind als ich. Sie sind alle Reflexionen des Erlebten in einer Welt in einem Land. Das soll's nun auch gewesen sein. Für jeden mag ein Auslandaufenthalt etwas anderes bringen, anders an Erlebnissen und Erfahrungen. Die Zeit in Südafrika wird mir ewig in Erinnerung bleiben, ein Pool bunter Geschichten, haufenweise positive Erfahrungen, auch ein paar negative und Abdrücke von Reisen jenseits von Afrika.